Zwischen Nähe und Narbe – wie ich versuche, in meiner Ehe nicht zu verschwinden

Es gibt Tage, an denen ich aufwache und mich fühle, als wäre ich nur ein Schatten meiner selbst. Nicht weil mir etwas konkret fehlt, nicht weil ich allein lebe, nicht weil ich verlassen wurde. Sondern weil ich in meinem eigenen Leben manchmal keinen Platz finde.

Diese Erkenntnis ist nicht neu. Sie ist alt. Älter, als ich gehofft hätte. Sie begleitet mich, seit ich zurückdenken kann – leise, unsichtbar, aber immer da.

Und vielleicht ist genau das der Grund, warum ich heute hier sitze und schreibe.

Weil ich nicht mehr schweigen will.

Weil ich nicht mehr verschwinden will.

Weil ich gerade erst beginne, mich selbst wieder zu hören.

Ich liebe meine Familie.

Ich liebe meine Kinder.

Ich liebe mein Leben.

Aber ich bin ehrlich: Die Einsamkeit, die ich in mir trage, ist kein Produkt der letzten Jahre. Sie ist ein Erbe aus meiner Kindheit. Und erst jetzt – als erwachsener Mann, als Vater, als Partner, als jemand, der endlich beginnt, hinzuschauen – verstehe ich, wie tief sie wirklich sitzt.

1. Wo meine Einsamkeit wirklich begonnen hat

Meine Einsamkeit hat nicht in meiner Ehe begonnen.

Sie hat viel früher begonnen.

In einem Kinderzimmer.

In einer Familie, in der Gefühle wie gefährliche Gäste behandelt wurden, die man lieber draußen ließ.

Ich musste früh lernen, mich klein zu machen.

Still.

Unauffällig.

Unkompliziert.

Nicht weil ich so sein wollte.

Sondern weil es sicherer war.

Mit dreizehn war ich bei einem Arzt.

Er sah etwas in mir, was niemand sonst bemerkt hatte. Er sagte zu meinem Vater:

„Ihr Sohn ist schwermütig.“

Ein Fremdwort für mich damals, aber es fühlte sich wie eine Diagnose meiner Seele an.

Mein Vater winkte ab.

Hart, wie immer, wenn es ums Fühlen ging:

„Blödsinn. So etwas gibt’s nicht. Reiß dich zusammen.“

Und genau das tat ich.

Jahre lang. Jahrzehnte lang.

Ich riss mich zusammen.

Ich baute mir ein Leben darauf auf.

Ich wurde ein Meister im Funktionieren.

Ich war der Junge, der keinen Ärger macht.

Der Teenager, der Probleme allein frisst.

Der Mann, der keine Schwäche zeigt.

Der Vater, der alles aushält.

Der Partner, der schweigt.

Ich verstand damals nicht, was das mit mir macht.

Jetzt weiß ich:

Ich habe mein ganzes Leben nach diesem einen Satz ausgerichtet – einem Satz, der nie meiner war.

2. Wie diese alte Einsamkeit mein Erwachsenenleben geformt hat

Wenn du als Kind lernst, deine Gefühle zu verstecken, dann versteckst du sie auch als Erwachsener.

Sogar in der Liebe.

Sogar in der Ehe.

Sogar neben jemandem, der eigentlich dein Zuhause sein sollte.

Ich bin in meine Beziehung gegangen mit einem Muster, das ich nicht erkannt habe.

Ein Muster aus Schweigen, Anpassen, Starksein.

Ich war wieder der Junge, der gelernt hatte:

Mach keinen Ärger.

Sag nicht, was du fühlst.

Erwarte nicht zu viel.

Reiß dich zusammen.

Und genau dieses Muster hat mich in meiner Beziehung langsam aufgefressen.

Nicht, weil meine Frau etwas falsch gemacht hätte.

Sondern weil ich mich selbst verlassen habe.

3. Die leise Einsamkeit in einer Ehe, die eigentlich Liebe sein wollte

Ich sag’s so, wie es ist:

Ich fühle mich in meiner Ehe oft einsam.

Nicht weil wir uns nicht lieben.

Nicht weil sie mich verletzen will.

Nicht weil wir Feinde sind.

Sondern weil wir uns emotional verloren haben.

Da sind Momente, in denen ich im selben Raum bin wie meine Frau – aber innerlich Meilen entfernt.

Es wird nicht geschrien, nicht gestritten, nicht zerstört.

Es passiert leise.

Das ist das Gefährliche.

Ich funktioniere.

Ich mache.

Ich halte.

Ich trage.

Ich sorge.

Aber ich lebe nicht.

Ich fühle mich gebraucht – aber nicht gewählt.

Anwesend – aber nicht gesehen.

Verantwortlich – aber nicht gehalten.

Das tut weh.

Das frisst.

Das ermüdet.

Und ich habe es jahrelang einfach hingenommen, weil ich es so gelernt habe.

4. Was zehn Jahre mit einem machen, wenn man sich selbst vergisst

Es war kein einzelnes großes Erlebnis, das mich verletzt hat.

Es waren unzählige kleine. Dinge, die man im Alltag übersieht, die sich aber im Herzraum sammeln, bis dieser Raum eng wird.

Worte, die fehlen.

Nähe, die irgendwann abstirbt.

Momente, in denen man sich fragt:

„Bin ich hier eigentlich noch ich?“

Ich bin nicht wütend.

Ich bin nicht bitter.

Ich bin einfach verletzt.

Und das Schlimmste war:

Ich habe mich selbst nicht ernst genommen.

Ich habe immer wieder gesagt:

„Passt schon.“

„Ist nicht so schlimm.“

„Ich pack das.“

Aber tief drin wusste ich:

Ich pack das nicht.

Nicht mehr.

Nicht so.

5. Der erste ehrliche Satz nach Jahren des Schweigens

Der Satz, der alles verändert hat, kam nicht mit Drama.

Er war klein.

Leise.

Und irgendwie heilig.

„Mir geht’s nicht gut.“

Ich sagte ihn zuerst zu mir selbst.

Dann irgendwann laut.

Und erst da habe ich gemerkt, wie schwer er mir gefallen ist.

Ich habe gelernt:

Ich darf sagen, dass etwas weh tut.

Ich darf traurig sein.

Ich darf Nähe brauchen.

Ich darf fühlen.

Ich darf atmen.

Ich muss mich nicht mehr dafür schämen, ein Mensch zu sein.

6. Schreiben als mein sicherer Ort

Ich schreibe, weil ich als Kind nie reden durfte.

Ich schreibe, weil Worte damals Ärger brachten.

Ich schreibe, weil ich meinen Schmerz heute nicht mehr verstecken will.

Schreiben ist der Ort, an dem ich existiere, ohne mich verstellen zu müssen.

Es ist meine Stimme, die sich ihren Weg zurück ins Leben kämpft.

Satz für Satz, Schicht für Schicht.

Ich schreibe nicht, um Schuld zu verteilen.

Ich schreibe, um mich endlich zu verstehen.

7. Ich bin noch nicht da, wo ich hingehöre – aber Stück für Stück lerne ich mich kennen

(NEU, perfekt integriert)

Ich will mich hier nicht größer machen, als ich bin:

Ich bin nicht fertig.

Ich bin nicht geheilt.

Ich bin nicht angekommen.

Ich bin noch nicht da, wo ich hingehöre.

Aber etwas in mir bewegt sich.

Etwas erwacht.

Etwas beginnt, mich an die Hand zu nehmen.

Ich lerne mich kennen.

Langsam.

Unsicher.

Ehrlich.

Ich entdecke Gefühle, die ich als Kind wegdrücken musste.

Ich erkenne Bedürfnisse, die ich nie aussprechen durfte.

Ich merke, dass meine Traurigkeit kein Feind ist, sondern eine Botschaft.

Ich lerne, mich nicht mehr zu übersehen.

Mich nicht mehr kleinzumachen.

Mich nicht mehr „zusammenzureißen“, nur um niemanden zu stören.

Es ist kein Sprint.

Es ist ein stiller Weg.

Ein echter Weg.

Und jeder Schritt bringt mich näher zu dem Menschen, der ich eigentlich bin – und vielleicht schon immer war.


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2 Antworten zu “Zwischen Nähe und Narbe – wie ich versuche, in meiner Ehe nicht zu verschwinden”

  1. In vielen Dingen konnte ich mein Erbe wiedererkennen. Danke für Deine gefühlvolle Darstellung. Tatsache ist, dass uns gerade die lieblose Erziehung unserer Eltern von innen her wachsen ließ. Alleinsein macht stark, besonders dann, wenn bisher verschwiegene Worte aufs Papier fließen. Liebe Grüße, Gisela

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    • Liebe Gisela,
      du sprichst etwas aus, das viele nie zugeben würden. Diese lieblosen Wurzeln tun weh, aber sie haben uns gelernt, aus uns selbst heraus zu wachsen. Wir sind nicht zerbrochen – wir sind härter geworden, feiner geworden, wacher geworden.

      Und ja: Wenn die verschwiegenen Worte endlich aufs Papier dürfen, hört das Innenleben auf zu schreien. Schreiben ist Befreiung. Und wer sich selbst befreit, fliegt höher als all das, was uns damals klein halten wollte.

      Danke für deine Ehrlichkeit.

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