Eine Reise durch Ego, Wahrheit und die leise Geburt echter Stärke.

Ich habe diese Woche etwas verloren, von dem ich lange dachte, es wäre ein Teil von mir.
Etwas, das mich geschützt hat, mich zusammengehalten hat, mich stärker wirken ließ, als ich war.
Etwas, das mich durch viele Jahre begleitet hat wie eine zweite Haut.
Meinen Stolz.
Nicht den gesunden, würdevollen Stolz, der aus Leistung wächst.
Sondern diesen harten, dicken, starren Stolz, der wie ein Schild vor dem Herz liegt.
Der Stolz, der sagt:
„Ich schaffe das alleine.“
„Ich brauche niemanden.“
„Ich darf nicht fallen.“
„Ich darf nicht schwach sein.“
Dieser Stolz ist diese Woche zerbrochen.
Nicht laut.
Nicht plötzlich.
Nicht wie ein Film.
Sondern leise.
Hartnäckig.
In kleinen Rissen, die man erst merkt, wenn sie sich durch den ganzen Körper ziehen.
Und komischerweise…
fühlt es sich nicht wie eine Niederlage an.
Sondern wie die erste Wahrheit nach vielen Jahren.
1. Wie Stolz ein Mann werden lässt – und ihn gleichzeitig klein hält
Ich weiß nicht genau, wann Stolz in mein Leben gekommen ist.
Vielleicht als Kind, als ich gemerkt habe, dass man funktionieren muss, wenn man keinen Ärger will.
Vielleicht als Jugendlicher, als ich Dinge allein durchgestanden habe.
Vielleicht als Erwachsener, als ich Verantwortung tragen musste, bevor ich verstanden habe, wie schwer sie wirklich ist.
Stolz war für mich lange wie ein Gerüst.
Etwas, woran ich mich festhalten konnte, wenn innen drin alles wackelte.
Etwas, das mich geschützt hat.
Etwas, das mir Würde gegeben hat – zumindest dachte ich das.
Aber Stolz hat eine dunkle Seite.
Stolz sagt dir:
„Zieh durch. Zeig nichts. Halt alles zusammen.“
Stolz lässt dich schweigen, wenn du reden solltest.
Stolz lässt dich lächeln, obwohl du innerlich zerbrichst.
Stolz lässt dich Entscheidungen treffen, die dich stärker wirken lassen sollen, obwohl sie dich innerlich einsam machen.
Stolz war mein Schutzschild.
Aber er war auch mein Gefängnis.
Ich dachte, ich brauche ihn, um stark zu sein.
In Wahrheit hab ich ihn gebraucht, um meine Angst zu verstecken.
2. Der Moment im Stall, der alles verändert hat
Manchmal zeigt dir das Leben deine Wahrheit nicht in einem schönen Moment.
Nicht in Meditation.
Nicht in Ruhe.
Nicht im Sonnenaufgang.
Manchmal zeigt es sie dir mitten im Gestank.
Mitten im Dreck.
Mitten in etwas, von dem du nie gedacht hast, dass du dort stehen wirst.
Als ich das erste Mal im Schweinestall stand, hab ich mich fremd gefühlt.
Ich hab mich fehl am Platz gefühlt.
Ich hab mich kleiner gefühlt, als ich es zugeben wollte.
Ich hab niemandem gesagt, wie es sich anfühlt, dort zu stehen.
Zwischen Tieren, Geräuschen, Schweiß, Hektik.
Zwischen Arbeit, die so roh ist, dass sie dir jede Ausrede aus dem Kopf schlägt.
Ich war wütend.
Auf mich.
Auf mein Leben.
Auf die Situation.
Aber die Wut hielt nicht lange.
Weil der Stall keine Bühne ist, auf der du dich groß machen kannst.
Er zeigt dich so, wie du bist.
Und genau dort ist mein Stolz zerbrochen.
Nicht, weil jemand mich gedemütigt hat.
Nicht, weil ich versagt habe.
Sondern weil ich keinen Platz mehr für ihn hatte.
Stolz bringt dir nichts, wenn du Knie tief in echter Arbeit stehst.
Stolz bringt dir nichts, wenn du mit deinen Händen Dinge tust, für die niemand klatscht.
Stolz bringt dir nichts, wenn du erkennst, dass du nicht über der Welt stehst, sondern mitten in ihr.
Da hat es Klick gemacht.
Kein dramatischer Moment.
Nur die Erkenntnis:
Ich brauche meinen Stolz nicht, um ein guter Mensch zu sein.
Ich brauche Mut.
Und Mut ist das Gegenteil von Stolz.
3. Was übrig bleibt, wenn der Stolz weg ist
Ich hab mich nie gefragt, was passiert, wenn der Stolz geht.
Ich dachte immer, ohne Stolz wäre ich nackt.
Verletzlich.
Klein.
Schwach.
Aber als mein Stolz gefallen ist, ist etwas anderes aufgestanden.
Ehrlichkeit.
Die radikale Art. Nicht die hübsche.
Ehrlichkeit zu mir selbst.
Ehrlichkeit, was ich wirklich fühle.
Ehrlichkeit darüber, wo ich wirklich stehe.
Ehrlichkeit darüber, was ich wirklich brauche.
Stolz sagt: „Ich bin besser.“
Ehrlichkeit sagt: „Ich bin echt.“
Stolz sagt: „Ich muss stark wirken.“
Ehrlichkeit sagt: „Ich darf Mensch sein.“
Stolz sagt: „Ich mach das allein.“
Ehrlichkeit sagt: „Ich mache es, weil es getan werden muss.“
Was übrig bleibt, wenn der Stolz weg ist?
Wahrheit.
Tiefe.
Seele.
Mut.
Würde.
Das, was man im Leben oft lange nicht sieht, weil man damit beschäftigt ist, gut auszusehen.
4. Die ungewohnte Freiheit ohne Maske
Als ich meinen Stolz losgelassen habe, hab ich etwas gespürt, das ich jahrelang nicht gefühlt habe:
Freiheit.
Nicht die Freiheit, zu tun, was ich will.
Sondern die Freiheit, zu sein, wer ich bin.
Stolz hat mich immer in eine Rolle gedrückt.
Ich musste stark wirken.
Ich musste es schaffen.
Ich musste funktionieren.
Ich musste… ich musste… ich musste.
Ohne Stolz gibt’s kein „muss“.
Da gibt’s nur:
Ich bin.
Ich entscheide.
Ich tue.
Und das fühlt sich anders an.
Reifer.
Echter.
Erwachsener, aber nicht schwerer.
Ich hab zum ersten Mal seit Langem gespürt, dass ich mich selbst nicht mehr betrügen muss.
Ich muss niemandem etwas beweisen.
Ich muss mich nicht verstecken.
Ich muss keine Rolle spielen.
Ich darf Mensch sein.
Und das reicht.
5. Der Moment, in dem ich mich selbst wiederfand
Ich hab etwas erlebt, das schwer zu beschreiben ist.
Nach einem langen Arbeitstag, als ich allein war, hab ich mich kurz auf einen Trittbrett gesetzt.
Zwischen Geräuschen, Müdigkeit, verschwitzten Klamotten.
Ich hab die Augen geschlossen und versucht, meinen Kopf zu ordnen.
Und da war ein Gedanke.
Ein Satz.
Ganz leise.
„Das bist du.
Und das ist okay.“
Nicht perfekt.
Nicht erfolgreich.
Nicht da, wo du mal warst.
Nicht da, wo du hinwillst.
Einfach:
Ich.
Zum ersten Mal seit Langem ohne Bewertung.
Ohne Vergleich.
Ohne Scham.
Ich hab mich wieder gespürt.
Echt.
Ungefiltert.
Ohne Stolz – aber voller Würde.
6. Die Dinge, die ich gelernt habe, als mein Stolz ging
Ich habe diese Woche mehr über mich gelernt als in den letzten zwei Jahren.
Hier sind die Dinge, die ich jetzt weiß:
1. Stolz schützt dich nicht – er isoliert dich.
2. Stärke ist nicht hart. Stärke ist weich.
Sie entsteht, wenn man sich selbst nicht mehr belügt.
3. Arbeit definiert dich nicht – aber wie du arbeitest, zeigt deinen Charakter.
4. Würde ist nicht oben. Würde ist innen.
5. Freiheit kommt nicht, wenn du alles hast.
Sie kommt, wenn du dich nicht mehr verstecken musst.
6. Mut ist nicht, keine Angst zu haben.
Mut ist, weiterzugehen, obwohl du dich schämst.
7. Wenn Stolz fällt, bleibt der Mensch übrig.
Und genau da beginnt Heilung.
7. Der Blick nach vorne – und warum ich mich nicht dafür schäme
Ich hätte diesen Text früher nie geschrieben.
Zu ehrlich.
Zu verletzlich.
Zu roh.
Aber genau das ist der Punkt:
Ich schäme mich nicht mehr für meine Wahrheit.
Ich schäme mich nicht für Arbeit, die keinen Applaus bekommt.
Ich schäme mich nicht für Tage, an denen ich kämpfe.
Ich schäme mich nicht dafür, dass ich gerade neu anfange.
Ich schäme mich nicht dafür, dass mein Leben nicht perfekt ist.
Ich schäme mich nicht für meine Narben.
Ich schäme mich nicht für meine Fehler.
Ich schäme mich nicht für meine Geschichte.
Ich bin nicht mehr stolz.
Ich bin ehrlich.
Und Ehrlichkeit ist der Anfang jeder Freiheit.
8. Warum ich diese Worte schreibe – und für wen
Ich schreibe das für Menschen, die gerade denken, sie seien gescheitert.
Für Menschen, die glauben, sie müssten stark wirken.
Für Menschen, die jeden Tag mit sich selbst kämpfen.
Für Menschen, die sich schämen.
Für Menschen, die ihre Würde verloren glauben.
Ich schreibe es, weil ich weiß, wie es sich anfühlt.
Und weil ich weiß, wie befreiend es ist, wenn der Stolz endlich geht.
Man muss nicht erfolgreich sein, um echt zu sein.
Man muss nicht oben sein, um Würde zu haben.
Man muss nicht unbesiegbar sein, um stark zu sein.
Manchmal muss man nur fallen lassen, was man nicht mehr braucht.
Und Stolz ist das Erste, das gehen muss,
bevor der echte Mensch erscheinen kann.
9. Schlusswort
Ich weiß nicht, wohin mein Weg führt.
Ich weiß nur, dass ich ihn jetzt klarer sehe als vorher.
Ich bin ein Mann ohne den alten Stolz –
aber mit neuer Wahrheit.
Ein Mann ohne Schutzschild –
aber mit neuer Würde.
Ein Mann, der gefallen ist –
aber nicht liegen bleibt.
Was bleibt übrig, wenn der Stolz weg ist?
Ein Mensch.
Ein echter.
Einer, der wieder atmet.
Und vielleicht…
zum ersten Mal seit Langem…
ein Mensch, der sich selbst wieder gefunden hat.
Gé 🔥
Tagebuch eines Phönix
2 Antworten zu “Was bleibt übrig, wenn der Stolz weg ist?”
Das Gegenteil von Stolz ist Demut, nicht Mut. Während Stolz ein Gefühl der Selbstachtung und manchmal Überlegenheit ausdrückt, beschreibt Demut die Fähigkeit, die eigenen Grenzen anzuerkennen, bescheiden zu sein und sich selbst nicht über andere zu stellen. Demut bedeutet, offen für Kritik zu bleiben und die eigenen Erfolge ohne Überheblichkeit zu betrachten.
Du hast Deine Maske abgelegt und zeigst nun Dein wahres Gesicht.
Herzliche Grüße, Gisela
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Liebe Gisela, Demut ist wichtig, da stimme ich dir zu. Und genau deswegen spreche ich inzwischen ohne Fassade und ohne Schönfärben.
Das ist kein „wahres Gesicht“ im Sinne einer Maske, die fällt – das bin einfach ich, der klarer und ehrlicher lebt als früher.
Herzliche Grüße Gé
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