Ein kraftvoller, ehrlicher Beitrag über Leadership durch Selbstführung

Der Moment der Erkenntnis
Es war ein Dienstagmorgen im März, als ich vor dem Spiegel stand und einen fremden Menschen sah. Nicht äußerlich – aber in den Augen. Da war eine Müdigkeit, die tiefer ging als Schlafmangel. Eine Resignation, die sich schleichend eingenistet hatte. Ich führte ein Team von zwölf Menschen, hielt Vorträge über Motivation und Excellence, predigte von Vision und Commitment. Doch die Person im Spiegel lebte nicht das, was sie lehrte.
An diesem Tag begann meine wichtigste Reise: der Weg zu mir selbst als meinem eigenen Vorbild.
Die unbequeme Wahrheit über Führung
Führung beginnt nicht mit anderen Menschen. Sie beginnt mit der brutalen Ehrlichkeit sich selbst gegenüber. Jahrelang hatte ich geglaubt, Leadership bedeute, andere zu inspirieren, zu motivieren, zu leiten. Was ich nicht verstand: Niemand folgt langfristig jemandem, der nicht authentisch lebt, was er vertritt.
Die unbequeme Wahrheit ist: Menschen spüren Inkongruenz auf einer unterbewussten Ebene. Sie merken, wenn unsere Worte und unser Sein nicht übereinstimmen. Und sie reagieren entsprechend – mit Widerstand, Demotivation oder stillem Rückzug.
Die vier Säulen der Selbstführung
1. Radikale Selbstkenntnis
Der erste Schritt war schmerzhaft: eine schonungslose Bestandsaufnahme meiner selbst. Nicht die Version, die ich anderen präsentierte, sondern die rohe, ungeschönte Realität.
Ich begann, jeden Tag zehn Minuten damit zu verbringen, mich zu fragen:
- Was waren meine echten Motivationen heute?
- Wo habe ich gegen meine eigenen Werte gehandelt?
- Welche Ängste haben meine Entscheidungen beeinflusst?
- Wo war ich authentisch, wo gespielt?
Diese Reflexion war oft unangenehm. Ich entdeckte Muster der Selbsttäuschung, erkannte, wie oft ich Entscheidungen aus Angst getroffen hatte, während ich sie als strategisch rationalisierte. Aber erst diese Ehrlichkeit schuf den Raum für echte Veränderung.
2. Integrität als Kompass
Integrität bedeutet nicht Perfektion. Sie bedeutet Übereinstimmung zwischen dem, was wir denken, sagen und tun. Es bedeutet, Fehler zuzugeben, Grenzen zu kommunizieren und Entscheidungen zu treffen, die unseren Werten entsprechen – auch wenn sie unbequem sind.
Ich erinnere mich an den Tag, als ich einem wichtigen Kunden absagen musste, weil das Projekt nicht zu unseren Prinzipien passte. Kurzfristig kostete es uns Geld. Langfristig gewannen wir Respekt und Vertrauen – bei unserem Team und bei uns selbst.
3. Kontinuierliches Wachstum
Ein Vorbild ist niemals fertig. Es ist ein Mensch in ständiger Entwicklung, der seine Komfortzone regelmäßig verlässt. Ich begann, mir bewusst Herausforderungen zu suchen, die mich wachsen ließen:
- Öffentliches Sprechen, obwohl es mich nervös machte
- Schwierige Gespräche, die ich zuvor vermieden hatte
- Neue Fähigkeiten, die außerhalb meiner Expertise lagen
Dabei lernte ich: Verletzlichkeit ist keine Schwäche, sondern eine Stärke. Wenn ich meine Unsicherheiten und Lernprozesse offen teilte, inspirierte das andere mehr als jede perfekte Fassade.
4. Verantwortung ohne Ausreden
Der schwierigste Teil war, die volle Verantwortung für mein Leben zu übernehmen. Keine Ausreden mehr, keine Schuldzuweisungen, kein “Ja, aber…”. Jede Situation, jedes Resultat, jede Reaktion – alles begann mit mir.
Das bedeutete nicht, dass ich die Kontrolle über alles hatte. Aber ich hatte die Kontrolle über meine Reaktion auf alles. Diese Erkenntnis war gleichzeitig befreiend und beängstigend.
Die Transformation im Alltag
Die Veränderung begann in kleinen, alltäglichen Momenten:
Morgens: Statt hetzig aufzustehen, begann ich mit zehn Minuten Stille und Intention.
In Meetings: Statt zu reden, um gehört zu werden, hörte ich zu, um zu verstehen.
Bei Konflikten: Statt zu rechtfertigen, fragte ich: “Was kann ich hier lernen?”
Am Abend: Statt zu bewerten, reflektierte ich: “Wie kann ich morgen eine bessere Version meiner selbst sein?”
Diese kleinen Verschiebungen akkumulierten zu einer fundamentalen Transformation. Meine Energie veränderte sich. Meine Präsenz wurde ruhiger, aber kraftvoller. Menschen begannen, anders auf mich zu reagieren.
Die Ripple-Effekte
Als ich begann, authentisch zu führen – zuerst mich selbst, dann andere – geschah etwas Bemerkenswertes. Mein Team wurde mutiger. Sie begannen, Risiken einzugehen, Ideen zu teilen, Verantwortung zu übernehmen. Nicht weil ich es von ihnen verlangte, sondern weil sie sahen, dass es möglich war.
Führung durch Vorbild ist ansteckend. Wenn Menschen sehen, dass jemand authentisch lebt, erlaubt es ihnen, dasselbe zu tun. Es entsteht eine Kultur der Ehrlichkeit, des Wachstums und des Mutes.
Die dunklen Momente
Dieser Weg war nicht linear. Es gab Rückfälle, Momente des Zweifels, Tage, an denen die alte Version meiner selbst die Kontrolle übernahm. In einer besonders schwierigen Phase verlor ich zwei wichtige Teammitglieder und begann, an meinem neuen Ansatz zu zweifeln.
Aber gerade diese Krisen lehrten mich die wichtigste Lektion: Ein Vorbild zu sein bedeutet nicht, keine Fehler zu machen. Es bedeutet, aus ihnen zu lernen, sie zuzugeben und weiterzumachen. Authentizität schließt Perfektion aus.
Was ich heute anders mache
Entscheidungen: Ich frage nicht mehr “Was ist klug?”, sondern “Was ist richtig?”
Kommunikation: Ich teile nicht nur Erfolge, sondern auch Kämpfe und Lernprozesse.
Führung: Ich gebe nicht vor zu wissen, was ich nicht weiß, und schaffe Raum für andere, zu glänzen.
Grenzen: Ich sage Nein zu Dingen, die nicht zu meinen Werten passen, auch wenn es kurzfristig schmerzt.
Wachstum: Ich sehe jeden Tag als Chance, eine bessere Version meiner selbst zu werden.
Die paradoxe Wahrheit
Je mehr ich aufhörte, andere beeindrucken zu wollen, desto mehr beeindruckte ich. Je verletzlicher ich wurde, desto stärker erschien ich. Je mehr ich meine Unperfektion zeigte, desto mehr respektierten mich andere.
Das Paradoxon der authentischen Führung: Wenn wir aufhören zu versuchen, ein Vorbild zu sein, werden wir eins.
Der Weg nach vorn
Mein eigenes Vorbild zu werden ist kein Ziel, das man erreicht – es ist eine tägliche Praxis. Jeden Morgen wache ich auf mit der Frage: “Wie kann ich heute die Person sein, die ich respektiere?”
Es geht nicht darum, perfekt zu sein. Es geht darum, echt zu sein. Nicht darum, keine Angst zu haben, sondern trotz der Angst zu handeln. Nicht darum, alle Antworten zu haben, sondern die richtigen Fragen zu stellen.
Ein Aufruf zur Selbstführung
Wenn Sie diese Zeilen lesen und etwas in Ihnen resoniert, dann ist das vielleicht Ihr Moment. Der Moment, in dem Sie sich fragen: “Bin ich das Vorbild, dem ich selbst folgen würde?”
Fangen Sie klein an. Seien Sie heute etwas ehrlicher. Treffen Sie eine Entscheidung basierend auf Ihren Werten statt auf Bequemlichkeit. Geben Sie einen Fehler zu. Fragen Sie um Hilfe. Sagen Sie Danke. Sagen Sie Nein.
Die Welt braucht nicht mehr perfekte Führungskräfte. Sie braucht authentische Menschen, die den Mut haben, sich selbst zu führen und dadurch anderen zu zeigen, was möglich ist.
Schlusswort
Der Weg zu meinem eigenen Vorbild zu werden hat mein Leben und meine Führung transformiert. Aber der wichtigste Erkenntnisgewinn war dieser: Es war nie ein Weg zu jemand anderem. Es war ein Weg nach Hause – zu der Person, die ich schon immer war, unter all den Schichten aus Erwartungen, Ängsten und falschen Vorstellungen.
Ihr eigenes Vorbild zu werden ist nicht egoistisch. Es ist der größte Dienst, den Sie der Welt erweisen können. Denn wenn Sie authentisch leben, geben Sie anderen die Erlaubnis, dasselbe zu tun.
Und das, genau das, ist wahre Führung.