Über das Gefühl, sich selbst kleinzumachen, und wie man wieder lernt, sich Raum zu nehmen.

„Du bist zu laut.“ „Du redest zu viel.“ „Du bist zu emotional.“ „Du nimmst zu viel Raum ein.“ Sätze wie diese hinterlassen tiefe Spuren in unserer Seele. Sie pflanzen einen Samen des Zweifels, der mit der Zeit zu einem ausgewachsenen Baum der Selbstkritik heranwächst. Plötzlich fragen wir uns bei jeder Äußerung, bei jeder Geste, bei jedem spontanen Lachen: Bin ich wieder zu viel?
Das Gefühl, zu viel zu sein
Es beginnt oft schon in der Kindheit. Ein Kind, das begeistert von seinem Tag erzählt, wird unterbrochen: „Nicht so aufgeregt!“ Ein Teenager, der seine Meinung äußert, wird zurechtgewiesen: „Du solltest nicht so vorlaut sein.“ Eine junge Frau, die ihre Ideen präsentiert, bekommt zu hören: „Du bist etwas zu direkt.“ Schicht für Schicht legen sich diese Botschaften über unser ursprüngliches Selbst, bis wir glauben, dass unsere natürliche Art zu sein fehlerhaft ist.
Das Gefühl, „zu viel“ zu sein, ist wie ein unsichtbarer Käfig. Wir beginnen, uns anzupassen, uns zu verkleinern, unsere Ecken und Kanten abzuschleifen. Wir sprechen leiser, lachen weniger herzlich, halten unsere Meinungen zurück. Wir entschuldigen uns für unsere Existenz, bevor wir überhaupt einen Raum betreten haben.
Besonders Frauen kennen dieses Gefühl. In einer Gesellschaft, die jahrhundertelang Zurückhaltung und Bescheidenheit als weibliche Tugenden gepriesen hat, kämpfen viele damit, ihre volle Persönlichkeit zu leben. Aber auch Männer sind nicht immun gegen diese Selbstzweifel – insbesondere solche, die nicht in die traditionellen Vorstellungen von Männlichkeit passen.
Die Kosten des Sich-Kleinmachens
Wenn wir uns ständig kleinmachen, zahlen wir einen hohen Preis. Unsere Authentizität schwindet, unsere Lebendigkeit verblasst. Wir werden zu Schatten unserer selbst und fragen uns dann, warum sich das Leben so grau und bedeutungslos anfühlt.
Die Ironie dabei ist: Indem wir versuchen, anderen zu gefallen und nicht anzuecken, verlieren wir genau das, was uns besonders und liebenswert macht. Unsere Quirks, unsere Leidenschaft, unsere einzigartige Art, die Welt zu sehen – all das bleibt unter einer Schicht aus Anpassung und Selbstzensur verborgen.
Beziehungen leiden darunter. Wie sollen andere uns wirklich kennenlernen und lieben, wenn wir ihnen nur eine abgeschwächte Version unserer selbst präsentieren? Echte Verbindungen entstehen durch Authentizität, nicht durch Perfektion.
Der Weg zurück zu sich selbst
Die gute Nachricht ist: Es ist nie zu spät, wieder Raum einzunehmen. Der Weg zurück zu sich selbst beginnt mit einer radikalen Erkenntnis: Du bist nicht zu viel. Du bist genau richtig, so wie du bist.
Diese Erkenntnis ist jedoch nur der erste Schritt. Es braucht Zeit und Übung, um die jahrelang eingeschliffenen Muster des Sich-Kleinmachens zu durchbrechen. Es ist ein Prozess des Verlernens und Neulernens.
Bewusstsein schaffen: Der erste Schritt ist, sich der eigenen Tendenz zum Sich-Kleinmachen bewusst zu werden. Wann entschuldigst du dich für Dinge, die keine Entschuldigung brauchen? Wann hältst du deine Meinung zurück? Wann machst du dich kleiner, um anderen zu gefallen?
Die innere Stimme hinterfragen: Oft ist es die Stimme der Vergangenheit, die uns sagt, wir seien zu viel. Lerne, diese Stimme zu erkennen und zu hinterfragen. Ist das wirklich deine Wahrheit, oder sind es verinnerlichte Botschaften aus der Kindheit?
Kleine Schritte wagen: Authentizität ist wie ein Muskel – sie wird stärker durch Übung. Beginne mit kleinen Schritten: Äußere deine Meinung in einem sicheren Rahmen. Teile eine Begeisterung, auch wenn sie anderen „zu viel“ erscheinen könnte. Lache so laut, wie dir danach ist.
Raum nehmen ist ein Akt der Selbstliebe
Sich Raum zu nehmen ist kein egoistischer Akt – es ist ein Akt der Selbstliebe und der Ehrlichkeit gegenüber der Welt. Wenn wir authentisch sind, geben wir auch anderen die Erlaubnis, authentisch zu sein. Wir schaffen Raum für Vielfalt und Einzigartigkeit.
Natürlich bedeutet das nicht, dass wir rücksichtslos werden sollen. Es geht nicht darum, andere zu überrollen oder keine Grenzen zu respektieren. Es geht darum, die eigenen Grenzen zu erkennen und zu respektieren, während wir gleichzeitig anderen mit Respekt begegnen.
Die Schönheit des Genug-Seins
In einer Welt, die uns ständig suggeriert, wir müssten mehr, besser, anders sein, ist es ein revolutionärer Akt zu sagen: „Ich bin genug.“ Nicht perfekt, nicht ohne Fehler, aber genug. Mehr als genug.
Deine Leidenschaft ist nicht zu viel – sie ist ein Geschenk. Deine Emotionen sind nicht zu intensiv – sie sind ein Zeichen deiner Lebendigkeit. Deine Meinungen sind nicht zu stark – sie sind Ausdruck deines Denkens und deiner Werte.
Die Menschen, die dich lieben werden, werden dich nicht trotz deiner „Zu-viel-heit“ lieben, sondern gerade deswegen. Sie werden deine Intensität schätzen, deine Begeisterung bewundern und sich an deiner Authentizität erfreuen.
Ein neues Kapitel beginnen
Es ist nie zu spät, ein neues Kapitel zu beginnen. Ein Kapitel, in dem du nicht mehr fragst: „Bin ich zu viel?“, sondern in dem du feststellst: „Ich bin genau richtig.“ Ein Kapitel, in dem du nicht mehr um Entschuldigung bittest für das, was du bist, sondern in dem du stolz zu dir stehst.
Die Welt braucht dich, so wie du bist. Sie braucht deine Einzigartigkeit, deine Perspektive, deine Art zu lieben und zu leben. Also nimm dir den Raum, den du verdienst. Sprich mit deiner vollen Stimme. Lache mit deinem ganzen Herzen. Lebe mit deiner ganzen Kraft.
Du bist nicht zu viel. Du bist ein Wunder der Einzigartigkeit in einer Welt voller Kopien. Du bist genau richtig.
Euer Gé