
Es ist 3:47 Uhr nachts, und ich liege wach. Wieder einmal. Während die Welt um mich herum schläft, rattert mein Gehirn auf Hochtouren weiter. Was hatte meine Kollegin heute Morgen gemeint, als sie „Okay, danke“ geschrieben hat? War das ein normales „Okay, danke“ oder ein passiv-aggressives „Okay, danke“? Hatte ich einen Punkt zu einem Zeichen zu wenig verwendet? War meine E-Mail zu kurz? Zu lang?
So ist das Leben als Overthinker. Mein Gehirn ist wie ein Browser mit 47 offenen Tabs, von denen drei abgestürzt sind, einer Musik spielt, die ich nicht finden kann, und die anderen alle gleichzeitig um meine Aufmerksamkeit buhlen.
Der ewige Kreislauf
Morgens wache ich auf und das erste, was passiert, ist nicht etwa, dass ich entspannt in den Tag starte. Nein, sofort beginnt die Analyse des gestrigen Tages. Habe ich etwas Dummes gesagt? Hat jemand komisch geschaut, als ich gelacht habe? War mein Lachen zu laut? Zu leise? Zu lang?
Beim Duschen denke ich bereits an alle möglichen Szenarien für den kommenden Tag. Was, wenn der Bus zu spät kommt? Was, wenn ich im Meeting nichts Intelligentes zu sagen habe? Was, wenn ich etwas Intelligentes sage, aber es falsch rüberkommt? Was, wenn ich versuche, lustig zu sein, aber niemand lacht?
Die Kunst der Konversations-Nachanalyse
Nach jedem Gespräch beginnt das große Sezieren. Ich spiele jede Unterhaltung wie einen Film ab, pausiere bei jedem Satz, spule zurück, analysiere Gesichtsausdrücke und Tonfall. „Du warst heute so still“, hatte meine Freundin gesagt. Was bedeutete das? War ich wirklich zu still? Oder interpretiere ich zu viel hinein? Aber was, wenn sie recht hat? Vielleicht denken alle, ich bin langweilig. Vielleicht bin ich langweilig.
Das Perfide daran ist, dass ich weiß, dass ich überdenke. Aber dieses Wissen hilft mir nicht dabei, aufzuhören. Im Gegenteil – jetzt denke ich auch noch darüber nach, dass ich zu viel nachdenke. Es ist wie ein russisches Matrjoschka-Puppen-Set aus Gedanken.
Die Entscheidungslähmung
Einfache Entscheidungen werden zu epischen Dramen. Im Restaurant studiere ich die Speisekarte, als wäre es eine Doktorarbeit. Was, wenn ich das Falsche bestelle? Was, wenn das Essen nicht schmeckt und ich das Gesicht verziehe und der Kellner denkt, ich sei unhöflich? Oder was, wenn ich etwas Neues bestelle und es nicht mag, obwohl ich hätte wissen müssen, dass ich kein Risiko eingehen sollte?
Selbst Netflix wird zur Tortur. Nach 20 Minuten des Durchscrollens habe ich immer noch nichts ausgewählt, weil ich Angst habe, die falsche Entscheidung zu treffen und zwei Stunden meines Lebens zu verschwenden. Dabei verschwende ich diese zwei Stunden bereits mit der Suche.
Die unsichtbare Last
Menschen sehen mich als jemanden, der alles durchdacht hat, der vorbereitet ist, der keine vorschnellen Entscheidungen trifft. Sie sehen nicht die schlaflosen Nächte, die endlosen Gedankenschleifen, die Erschöpfung, die entsteht, wenn man jeden Tag einen Marathon im eigenen Kopf läuft.
Sie sehen nicht, wie ich zehn verschiedene Versionen einer WhatsApp-Nachricht schreibe, bevor ich sie abschicke. Wie ich Screenshots mache und Freundinnen frage: „Wie soll ich das interpretieren?“ Sie sehen nicht, wie ich meine Worte abwäge, als wären sie Goldstaub.
Wenn Sorgen Sorgen gebären
Das Schlimmste ist, wenn sich die Gedanken verselbstständigen. Aus „Ich habe Kopfschmerzen“ wird „Was, wenn das ein Hirntumor ist?“ Aus einem ausgebliebenen Anruf wird „Alle hassen mich und wollen nichts mehr mit mir zu tun haben.“ Aus einem kleinen Fehler bei der Arbeit wird „Ich werde gefeuert, finde nie wieder einen Job und ende unter der Brücke.“
Mein Gehirn ist wie ein kreativer Drehbuchautor für Katastrophenfilme – nur dass er ausschließlich Szenarien über mein Leben schreibt.
Die seltsamen Superkräfte
Aber Overthinking hat auch seine merkwürdigen Vorteile. Ich bin ein Meister im Lesen zwischen den Zeilen. Ich bemerke kleinste Veränderungen in der Stimmung anderer Menschen. Ich bin vorbereitet auf Situationen, an die andere nie gedacht hätten. Wenn etwas schiefgeht, bin ich selten überrascht – ich habe bereits alle möglichen Katastrophenszenarien durchgespielt.
Ich kenne meine Freunde so gut, dass ich vorhersagen kann, wie sie auf bestimmte Nachrichten reagieren werden. Nicht, weil ich hellsehen kann, sondern weil ich jede ihrer Reaktionen bereits hundertmal in meinem Kopf durchgegangen bin.
Der tägliche Kampf
Jeden Tag kämpfe ich gegen meinen eigenen Verstand. Ich versuche, Gedanken loszulassen wie Luftballons, aber sie kehren zurück wie Bumerangs. Meditation hilft manchmal, aber oft denke ich während der Meditation darüber nach, ob ich richtig meditiere, was natürlich das Gegenteil von Meditation ist.
Ich habe gelernt, dass ich meinen Gedanken nicht vertrauen kann, wenn es um die Bewertung sozialer Situationen geht. Mein Gehirn ist ein Drama-Queen, die aus jedem Maulwurfshügel einen Mount Everest macht.
Leben mit dem inneren Kritiker
Am Ende des Tages bin ich erschöpft – nicht von dem, was ich getan habe, sondern von dem, was ich gedacht habe. Mein Kopf fühlt sich an wie ein Smartphone mit einem fast leeren Akku, das trotzdem noch zwanzig Apps im Hintergrund laufen hat.
Aber ich lerne langsam, mit diesem chaotischen, überdrehten, besorgten Verstand zu leben. Ich lerne, dass nicht jeder Gedanke Aufmerksamkeit verdient, dass nicht jede Sorge real ist, und dass manchmal das Beste, was ich tun kann, ist, meinem Gehirn zu sagen: „Danke für den Input, aber ich übernehme jetzt.“
Es ist ein täglicher Prozess, eine ständige Verhandlung mit mir selbst. Aber vielleicht ist das okay. Vielleicht ist es in Ordnung, ein Mensch zu sein, der zu viel fühlt, zu viel denkt, zu viel analysiert. Vielleicht ist es das, was mich zu dem macht, wer ich bin – auch wenn es manchmal verdammt anstrengend ist.
Und falls du dich beim Lesen wiedererkannt hast: Du bist nicht allein. Wir Overthinker sind eine seltsame, erschöpfte, aber auch erstaunlich einfühlsame Spezies. Willkommen im Club – auch wenn du wahrscheinlich schon eine Stunde darüber nachgedacht hast, ob du wirklich dazugehörst.
Eine Antwort zu “In meinem Kopf ist immer Vollbetrieb”
Hahahaha, das kenne ich gut😀🙏👍
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